Was wir bewegen

Trauerarbeit: Kinderbilder und -texte

Luca

Es war kurz vor meiner Abfahrt an die Ostsee. Während mein Mann und meine Jungs den Bus mit Gepäck und Fahrrädern beluden, war ich bei dem 9 jährigen Luca noch einmal zu Hause, traf ihn zum 2. Mal. Seine Mama ist tot und auch er mag nicht "sooo" darüber reden. Eigentlich redet er gar nicht darüber.

Wie denn?
Mit wem denn?
Was denn?

Ok, das kenne ich. Das ist ja auch irgendwie logisch, denn wenn so ein kleiner Kerl seine Traurigkeit nicht rauslässt, nicht drüber reden möchte, dann sucht sich die Traurigkeit einen anderen Weg. z.B. über Unzufriedenheit, Ärger, Bauchschmerzen, Schlaflosigkeit, ... Übrigens auch bei großen Kerlen. Und bei Frauen auch.

Mit Papa hatte er grade nun etwas viel Stress, daher war es so eine Art Akuthilfe vor der Ostseereise. Wenn Menschen ihren Stress (Trauer ist auch Stress) nicht abbauen können, dann kann es vorkommen, dass es zu Hause schwierig wird oder eskaliert, weil man sich seinen Liebsten gegenüber gehen lässt. Man könnte das eigentlich als Kompliment ansehen, wenn es nicht so unfair wäre und dem anderen, hier dem Vater, der auch um Frau und Normalität trauert, weh tun würde.

Luca erhält drei Sachen:
Eine klare Ansage, dass er sich Papa gegenüber korrekt verhalten soll und sich, wenns nicht klappt, spätestens am Abend entschuldigen soll. Wenn traurige Menschen die, die sie mögen, nun noch verletzen und vergraulen, dann stehen sie hinterher ganz alleine da und haben noch mehr Elend drum herum. Das erwarte ich einfach von ihm, wenn wir auf Dauer weiter arbeiten wollen. 2. Den Tipp, er soll in den Ferien jeden Tag rausgehen. Frische Luft und Bewegung tun immer gut. Mit Freunden spielen sowieso. Als Drittes darf er sich ein kleines Heft aus 3 Vorschlägen raus suchen. Ich weiß, dass Luca ganz gerne Dinge aufschreibt und so schlage ich ihm vor, dass er Gedanken, die ihn quälen oder Fragen die er hat, dort hinein schreiben kann, damit wir später darüber reden können und sie nicht zwischendurch in Vergessenheit geraten. Und er kann auch das Buch wie ein Tagebuch oder einen Brief für seine Mama nutzen. Sofort nimmt er das Heft und schreibt vorne drauf: "Mein Buch für den Tod meiner Mutter." Wir verabreden, dass er sich per Whattsapp melden kann, wenn es dringend ist, denn die Ostseezeit nutze ich zum schreiben eines Buches, nicht als Urlaub. Als ich gehe, bleibt er nach der Verabschiedung am Tisch sitzen und schreibt schon in sein Buch hinein. 1 Stunde später schickt er mir Fotos des direkt Geschriebenen, außerdem Bilder, die seine Freunde ihm zum Tod der Mama als Beileidspost gemalt haben. Gestern erreichte mich eine neue Nachricht von Luca: "Mechthild, ich bin gut drauf und gehe auch raus. Also mir und Papa geht's auch gut, so zusammen. Papa schreibt dir auch noch mal. Bringst du Nero beim nächsten Mal mit?" Klar kommt Nero, der Hund mit, Luca!

Und Lucas Papa ist echt klasse, denn er sieht die kleinen Fortschritte und benennt sie auch bei seinem Sohn. Der "Gewinn" ist dabei auch, dass beide lernen, über Gefühle und Verhalten zu reden, so wie man über andere alltägliche Sachen ja auch spricht. Kinder wie Luca sind übrigens auch ein Grund, warum es diese manchmal schwere Arbeit gut aushalten lässt.


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