Was wir bewegen

Glück im Unglück

Lara ist 7 Jahre alt. Ihre Mutter liegt im Koma. Während wir zusammen am Küchentisch meiner Praxis sitzen, unterhalten wir uns über Dinge, die in der letzten Zeit geschehen sind. Wir sprechen darüber, dass der Papa Lara letzte Tage gesagt hat, die Mama würde nicht mehr gesund werden. Ja, sie müsse sterben. Lara sagt: „Vielleicht in ein paar Monaten.“ Ich sage: „Ja, vielleicht in ein paar Monaten, aber vielleicht auch in ein paar Wochen.“ Ich weiß, dass ihr Papa auch von einigen Wochen gesprochen hat.

„Weißt du“, sage ich zu ihr. „Heute Abend fahre ich nach Haltern, du weißt, zu den Kindern, von denen die Brüder, Schwestern und Freunde beim Flugzeugabsturz gestorben sind.“ Lara nickt. Sie und auch andere Kinder wissen einiges voneinander.

„Lara, weißt du, manchmal sagt man: da hat jemand Glück im Unglück. Vielleicht ist das auch so etwas bei dir. Deine Mama ist so feste krank, dass sie sterben wird. Das ist ein großes Unglück. Es ist aber etwas Glück, dass wir das wissen. Du weißt nämlich, dass es jedes Mal, wenn du der Mama „tschüß“ sagst, sein kann, dass sie du sie lebendig nicht mehr wieder siehst. Deshalb kannst du jetzt, wenn du das magst, ihr einen extra Kuss geben, ihr was Liebes sagen, erzählen, etwas Besonderes malen…

Die Kinder in Haltern haben das nicht gewusst. Sie haben ihren Geschwistern „tschüß“ gesagt und haben gedacht, bald kommen sie wieder. Und ganz viele sagen jetzt: „Wenn ich gewusst hätte, dass sie nicht wieder kommen, dann hätte ich auch noch etwas gesagt.“ Was denkst du, Lara, was hätten die vielleicht noch gesagt?“

Lara überlegt kurz: „Ich habe dich lieb, hätten die vielleicht gesagt.“ „Ja, genau, das kann gut sein. Und du kannst jetzt deiner Mama noch was sagen, was aufschreiben. Was du gerne an ihr magst, was du von ihr gelernt hast… Und das kannst du der Mama im Krankenhaus jetzt noch am Bett aufhängen, dann kann sich die Mama das auch noch angucken, jetzt wo sie noch lebt. Wenn du magst…“ „Und wenn sie tot ist?“ fragt Lara. „Wenn sie tot ist, dann kannst du das der Mama mit in den Sarg legen“, sage ich. „Nein, Mama kommt nicht in den Sarg, der ist ihr zu eng, hat sie mal gesagt. Sie wird verbrannt und kommt in eine Urne. Dann lege ich ihr das auf das Grab drauf.“

Praktisch gedacht.
Und weil wir so am Sprechen sind, und es ihr tatsächlich Lust macht, weiter zu erzählen, frage ich sie: „Magst du denn dann auch in eine Kindertrauergruppe kommen, wenn deine Mama gestorben ist?“ „Ja“, sagt sie. Dann legt sie den Kopf schräg und sagt: „Und Mechthild, es wundert mich schon sehr, WIEVIELE Kinder es gibt, bei denen einer gestorben ist!“ Es tat ihr sichtlich gut zu wissen, dass sie nicht die einzige ist. Und dann saß die Siebenjährige da, die Zungenspitze zwischen den Zähnen und schnitt mit der Schere Papierherzchen aus, rosafarbene und rote. Und dann schrieb sie u.a. darauf: „Ich Mag dich“, „Ich famise dich“ und „Ich habe fon dir Mallen gelernt“.

Und als ich von ihr Fotos machte um sie dem Papa rüber zu mailen, der im Krankenhaus bei der Mama saß, lachte sie fröhlich und sagte: „Da wird die Mama schon Vorfreude haben, bis sie das geschenkt bekommt. Und der Papa, der wird auch lachen.“

Und ich erzählte ihr, dass ich auch in Haltern davon berichten würde. "Du kannst ja ruhig dazu die Fotos zeigen", sagte sie. Abends habe ich dann in Haltern von der kleinen Lara erzählt. Da haben wir übrigens Grüße und Ungesagtes mit Heliumballons in den Himmel steigen lassen. Nein, nicht schriftlich-rein gedacht...

Und später hörten es auch noch andere Kinder und Jugendliche. Einer davon sagte: „Ja, Glück im Unglück, da ist was dran. Aber, ehrlich gesagt: ich finde es ein Glück, dass ich es nicht wusste, dass Papa stirbt. Ich glaube, so war das für ihn besser und für mich auch. Das hätte ich nicht ausgehalten.“

Ja, Glück im Unglück ist Ansichtssache. Kann man sich von jeder Seite her anschauen…

Mechthild Schroeter-Rupieper


Bilder und Texte von Jugendlichen aus den Trauergruppen

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Lara ist 7 Jahre alt. Ihre Mutter liegt im Koma.