Was wir bewegen

Der Tag, als die Welt auf den Kopf gestellt wurde

Als im März das Flugzeug von Germanwings mit den vielen SchülerInnen abstürzte, weinten Eltern, die die Trauergruppe bei Lavia in Gelsenkirchen besuchen. "Es tut uns so leid!", sagten sie. "Wir wissen genau, was jetzt in den Familien der verstorbenen Kinder nun grade geschieht." Ihre eigenen Kinder sind vor ca. 2 Jahren gestorben, es tut immer noch weh. Natürlich!

Mittwoch Morgen, ich mache mich grade fertig, um nach Haltern zu fahren, ruft ein Vater an. Sein 13 jähriger Sohn ist am Tag zuvor in der Schule ohnmächtig geworden, wenige Stunden später im Krankenhaus gestorben. Nun fragt er dringlich nach Hilfe. Seine Frau weine seit gestern, ununterbrochen. Sie schreit, ruft nach dem Sohn, klagt. Sie will nicht mehr leben... ...er ist selber traurig und hat dazu Angst, dass sie durchdreht. Ich beruhige ihn und sage ihm, alles sei ok. Sie darf weinen und schreien, das steht ihr zu! Schließlich ist ihr gemeinsames Kind tot. Und, ganz sicher, nein, sie wird schon nicht verrückt! Ja, ich werde sie beide am frühen Abend besuchen kommen.

Stunden später, wir fahren im Konvoi von Düsseldorf aus zurück. Ich erzähle einigen Eltern von dem Telefonat. Und trotz der großen Trauer fühlen Sie mit, ähnlich wie im März die anderen Eltern. Männer nicken, schauen ihre Frauen an. Frauen nicken: "Ja, die ersten Tage sind auch grausam. Anders schlimm als jetzt. Nein, die Trauer ist jetzt nicht weniger, aber...ja, es war anders." Sie verstehen sofort, wovon der Vater am Telefon da erzählte. Ja, Trauer wird über lange Zeit immer wieder eine neue Dimension bekommen. Wer hofft, mit der Beerdigung ist sie abgeschlossen, der irrt natürlich. Dennoch ändert sie sich. Den ersten Tag, da, wo die Nachricht kam, der wird jedoch immer unvergesslich sein. Das ist der Tag, an dem die Welt Kopf stand. Am Abend erzähle ich von diesem Solidaritätsgefühl aus dem Reisebus in der Familie des 13 jährigen verstorbenen Jungen. "Dann halte ich es noch etwas aus und hoffe, dass meine Frau wieder ruhiger wird.", sagt der Vater.

Mechthild Schroeter-Rupieper


Bilder und Texte von Jugendlichen aus den Trauergruppen

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